Gottesdienst 29. 3. 2020 - JUDIKA

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.


Liebe Gemeinde, heute ist der fünfte Sonntag der Passionszeit, der Sonntag Judika.
Judika heißt auf Deutsch „Schaffe mir Recht, Gott“. An Jesu Schicksal wird deutlich, dass Menschenwürde immer in Gefahr ist, dass Leid, Schuld und Tod in der Welt eine grausame Wirklichkeit sind. Aber Gott ist ein Gott, der Gerechtigkeit will und der den Unterdrückten und Leidenden zur Seite steht. Deshalb ist er in Jesus zu uns gekommen und hat durch seinen Tod alle Schuld und alles Leid, ja, den Tod selbst besiegt. So grüße ich Sie mit dem Wochenspruch für den heutigen Tag: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“

EG 96 Du schöner Lebensbaum des Paradieses

Psalm 43 / EG 724

Eingangsgebet:
Gnädiger und gerechter Gott, das Leiden deines Sohnes führt uns vor Augen, wozu Menschen fähig sind, wenn sie hassen, Angst haben, zu kurz zu kommen, oder sich unkritisch treiben lassen von gewissenlosen Stimmungsmachern. Wie in einem Spiegel erkennen wir dabei auch eigene Abgründe: Feigheit, wenn wir mutig reden und handeln sollten, Abgestumpftheit gegenüber fremdem Elend.
Dir, Gott, bleibt unser Innerstes nicht verborgen.
Aber das Kreuz deines Sohnes erinnert uns auch daran:
Deine Liebe ist stärker als das Böse in uns und in unserer ganzen Welt.
Deine Liebe behält das letzte Wort und schafft neue Anfänge.
Gnädiger und gerechter Gott, erneuere auch uns.
Wir beten weiter in der Stille, miteinander und füreinander:
---
Herr, du hörst unser Gebet, darum kommen wir zu dir. Amen

EG 384 Lasset uns mit Jesus ziehen

Liebe Gemeinde!
In diesen Tagen ist manches anders. Wo sonst die Kosten die Diskussion beherrscht haben, zeigt sich, dass es einiges gibt, das unbezahlbar ist: Gesundheit, Pflege, Zuwendung, Nähe. Statt der Ware Gesundheit schätzen wir den Wert wahrer Gesundheit neu. Menschen versuchen, die Gesundheit der
Mitmenschen und die eigene zu schützen, weil medizinische Einrichtungen und Personal bereits zu „normalen Zeiten“ am Rand der Kapazitäten sind. Menschen, die an den Rand gedrängt werden, in vielen Städten im wörtlichen Sinne, weil sie sich die ständig steigenden Wohnkosten in den Innenstädten nicht leisten können und an den Stadtrand oder in Vororte ziehen müssen und lange Wege zur Arbeit haben, rücken als „systemrelevant“ in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Busfahrer, Verkäuferin, Polizistin, Angestellte der Stadtwerke, Fachpersonal im Entsorgungswesen, Ärztinnen und Ärzte, Kranken- oder Altenpflegerinnen und -pfleger: Sie sind unverzichtbar für unseren Alltag, der bestmöglich aufrechterhalten wird. Auch andere Berufe erfahren mehr Anerkennung.
Ein Lehrer schrieb, schwankend zwischen Belustigung und Verbitterung:
„Liebe Eltern! Wir kennen uns von Elternabenden, auf denen ihr uns erklärt habt, wie wir unseren Job besser machen können. Jetzt seid ihr dran: Wir geben euch eine Woche.“
Deutschland erlebt gerade nie zuvor gekannte Zeiten. Zwar ist die Zukunft immer ein Stück weit unbekannt, nun brechen aber feste Konstanten plötzlich weg. Was ist noch verlässlich, wenn
nicht einmal mehr sicher ist, dass alle SchülerInnen morgen wieder zur Schule gehen werden? Wie sieht unser Zusammenleben nach der Krise aus? Welche Werte, die gerade neu entdeckt zu werden scheinen, wie die Rücksichtnahme auf besonders gefährdete Menschen, werden auch nach der Krise noch Gültigkeit behaupten können? Wie sieht, mit einem Wort, die Welt, die Gesellschaft, die Stadt
von morgen aus?
Aus Hebräer 13 hören wir die Verse 12 bis 14:
Darum hat auch Jesus außerhalb des Stadttores gelitten. Denn durch sein eigenes Blut wollte er das Volk heilig machen. 13 Lasst uns daher zu ihm hinausgehen vor das Lager. Wir wollen die Schande auf uns nehmen, die er zu tragen hatte. 14 Denn wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt.
Sondern wir suchen nach der zukünftigen Stadt. Wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt. Stadt kommt von Stätte, Ort oder Siedlung. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass alles menschliche Planen, Bauen und Aneignen eines Ortes immer nur vorläufig ist. Auch Gebäude, die über Jahrhunderte ihren Platz behauptet haben wie die Marienkirche in Upfingen oder die Sirchinger Kirche, trotzen
dem Wandel der Zeit nicht unverändert. Sie werden immer wieder an die Erfordernisse der Zeit angepasst. Große Emporen im Chor der Marienkirche, die nach dem Krieg leer blieben, wurden zurückgebaut. Die Sirchinger Kirche, in der lange noch von Hand geläutet wurde – manche erinnern sich noch gut daran! – erfuhr den Einbau eines Läutwerks. Neu an der Krise ist, dass sie uns als ganze Gesellschaft zwingt, bisher weitgehend unwidersprochen hingenommene Tatsachen zu hinterfragen und die Werte, an denen wir uns orientierten, zu überprüfen. Damit birgt die Krise in aller Gefährdung, allen Entbehrungen und allen Einschränkungen in sich wie ein Samenkorn auch die Möglichkeit für Neues. In China misst man die beste Luftqualität seit Jahrzehnten, hier freuen sich Anwohner verkehrsreicher Straßen, dass sie die Fenster öffnen zu können ohne Lärm und Gestank einzulassen.
Menschen, die lange Wege zur Arbeit zurücklegen müssen, können, wenn sie von zu Hause arbeiten können, später beginnen und früher Feierabend machen. Die Kehrseite des Ganzen ist natürlich, dass viele Menschen jetzt um ihre Existenz fürchten müssen, weil Aufträge ausbleiben oder Kurzarbeit droht. Für viele Künstler, Freischaffende, Selbständige, Gastronomen und andere Unternehmer wird die
derzeitige Situation mit jedem Tag bedrohlicher. Lasst uns daher zu ihm hinausgehen vor das Lager! ruft uns der Verfasser des Hebräerbriefs auf. Was für eine Aufforderung unseres Predigttextes gerade jetzt, da wir alle so viel wie möglich daheimbleiben sollen! Hinausgehen kann man aber auf
vielfältige Weise, nicht nur, indem man vor die Tür tritt. Manche entdecken jetzt ungeahnte Möglichkeiten und wachsen in gewisser Weise über sich selbst hinaus: Sie bieten Gesprächsmöglichkeiten an, halten Kontakt zu Seniorinnen und Senioren, entwickeln neue Ideen, wie man einander ohne körperliche Nähe nahe sein kann. Mein Mann erzählte von jemandem, der durch einen Bekannten mit einem Hausmeisterservice an Großpackungen mit Klopapier kam, zurzeit einer der meistgesuchten Artikel in deutschen Supermärkten. Er fuhr mit einem Kofferraum voll Klopapier zum
nächsten Supermarktparkplatz und suchte sich ältere Menschen mit, wie er sagte, verzweifelter Miene aus, die er aus seinem Vorrat beschenkte. Hinausgehen können wir aus unseren gewohnten
Denkmustern. Die Krise zeigt deutlich, wo die bisher kapitalistisch geprägte Logik an Grenzen stößt. Wurden bisher Anfragen an menschenwürdigere Bedingungen für Beschäftigte und Patienten oft ignoriert, machen die derzeitigen Bedingungen die Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen, Schutz vor Überlastung und besserer Entlohnung unüberhörbar. Wie wollen wir zukünftig leben, wie miteinander umgehen, wer bleibt bisher außen vor, wessen Ansprüche werden überhört oder verdrängt, an den Rand gedrängt? Den Erfahrungen der Flüchtlinge, die man in Europa mit allen Mitteln draußen halten möchte, kamen manche Landsleute dadurch näher, dass plötzlich auch uns nicht mehr alle Türen in der Welt offenstanden. Wir fanden uns mancherorts draußen vor der Tür – unwillkommen. Deutschland, das 2015 die mangelnde Solidarität mancher EU-Länder beklagt hatte, zeigte sich selbst
unsolidarisch, indem es medizinische Ausrüstung wie Schutzmasken zunächst mit Exportverbot belegte, während die Schmuddelkinder der Weltgemeinschaft, Russland und China, gerade erst selbst mit dem Ausbruch im eigenen Land beschäftigt, Italien halfen. Wir alle sind aufgefordert, außerhalb unserer gewohnten Denkmuster und Alltagsroutinen zu denken und zu handeln. Jede und jeder von uns muss für sich festlegen, welcher Wert ihm oder ihr am wichtigsten, am unverzichtbarsten erscheint,
dem sich alles andere unterzuordnen hat. Bin ich mir selbst am nächsten und schaue, dass ich versorgt bin und nehme in Kauf, dass andere mit leeren Händen dastehen? Für viele zählt glücklicherweise das Miteinander. So viele haben sich mit guten Ideen und liebevollen Einfällen engagiert: Vom Hilfsangebot
des Einkaufens für besonders gefährdete, vom Angebot, auf Kinder auszupassen, deren Betreuung durch Kita- und Schulschließungen und das Kontaktverbot zu den Großeltern die Eltern vor Herausforderungen stellt, über Aktionen wie das Gestalten von Regenbogen, die nach Italiens Vorbild Mut und Hoffnung machen sollen oder das gemeinsame, allabendliche Gebet bei Kerzenlicht – körperlich getrennt, aber verbunden im Gebet. Ich würde mir wünschen, dass manches von dem, was wir gerade erleben, überdauert. Wir sind an manchen Stellen herausgegangen oder herausgerissen worden aus dem Gewohnten. Vieles Neue ist schmerzhaft und beängstigend, Familien können zurzeit nicht Geburtstage und andere Feste miteinander feiern, die Angst um den Arbeitsplatz und das
Einkommen bringt schlaflose Nächte mit sich, und den ganzen Tag in teils engen Wohnräumen verbringen zu müssen, schafft Probleme.
Aber der Blick für die Mitmenschen, der für manche, auch Jüngere, ganz neu zu erlernende, rücksichtsvolle, liebevolle Blick – das Hinaus-gehen und Hinaus-sehen über die eigenen
Wünsche und Bedürfnisse: diese Rücksichtnahme erscheint mir eine gute, verlässliche Basis für die neue Stadt, Grundlage dafür, dass ein Stück des himmlischen Jerusalems, dem wir
entgegengehen, schon hier auf Erden Wirklichkeit werden kann. Wir gehen und sehen ja nicht allein und verlassen unserer Zukunft entgegen! Was sie für uns bereithält, an Neuem und Unsicherem, muss uns nicht ängstigen. Jesus Christus hat uns versprochen: „In dieser Welt müsst ihr Leid
und Schmerz aushalten. Aber verliert nicht den Mut: Ich habe diese Welt besiegt!“
Allem, sogar dem Tod, hat Jesus die Macht genommen, das letzte Wort über uns zu haben.
Das letzte Wort haben das Leben und Gottes Liebe. Amen!

EG 548 Kreuz, auf das ich schaue

Fürbitte
Wir sind ratlos, Gott, und bringen unsere Ratlosigkeit vor dich.
Wir sind in Sorge um unsere Angehörigen, und bringen unsere Sorge vor dich.
Wir sind bedrückt, und bringen unsere Angst vor dich.
Wir sind dankbar für alle Menschen, die uns Mut machen,
und bringen unseren Dank für sie vor dich.
Mitten hinein in unsere Angst schenkst du uns das Leben:
Du schenkst uns Musik, Gemeinschaft und die Fürsorge unserer Freunde und Nachbarn.
Du schenkst uns Inspiration, Freundlichkeit und Mut.
Du schenkst uns den Glauben, die Liebe und die Hoffnung.
Dir vertrauen wir uns an – heute, morgen und an jedem neuen
Tag. Amen.

Vater unser …

Segen
Der Herr segne uns und behüte uns.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.
Amen.