Sonntag, 22. 03. 2020 - Lätare

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. (Joh 12,24)

EG 98 Korn, das in die Erde

Andacht zum Predigttext Jesaja 66,10-14: Getröstet

Liebe Gemeinde,
Die letzten Tage kamen mir in vielen Momenten trostlos vor. Man kann Menschen nicht mehr nahe sein, ihnen nicht die Hand reichen. Man telefoniert oder schreibt Mails, man wirft Sachen in Briefkästen. Pakete werden auf die Schwelle gelegt. Jetzt wäre Zeit für Besuche, ohne Schule, ohne die vielen Sitzungen und Termine, die sich jagen, nur darf man nicht näher als zwei Meter an andere Menschen heran. Außer in Not- oder Trauerfällen ist kein gottesdienstliches Leben mehr möglich... es scheint trostlos, so wie die Aussicht auf Ostern, unser wichtigstes Fest, ohne Gottesdienste.
Ich sehe mein Auferstehungskreuz über meinem Schreibtisch dieser Tage häufig an, während ich merke, wie schwer mir distanziertere Formen der Begrüßung wie Winken oder Lächeln fallen. Normalerweise umarme ich Menschen oder wir reichen uns die Hände zur Begrüßung.
Seelsorge, Anteilnahme und Nähe kann auch ein tröstender Händedruck ausdrücken, Berührungen helfen, wo Worte wenig Halt bieten oder hohl klingen. Auch Jesus berührt Menschen immer wieder, wenn er heilt. Er reicht die Hände und richtet Gelähmte auf, er berührt die Augen eines Blinden, er legt Kranken die Hände auf: In Jesus ist Gott den Menschen körperlich nah und sein Heil wird spürbar.
Nähe tröstet.
Nähe, wie ich sie auch immer wieder habe spüren dürfen in der vergangenen Woche: Durch Anrufe, Nachrichten, Hilfsangebote und gute Ideen, wie man einander nahe sein kann, ohne einander körperlich nahe zu kommen. Zum Beispiel beim Kispel-Hausgebet: Jeden Abend um 19 Uhr zünden Menschen Kerzen auf dem Fensterbrett an und beten bis 19.15 Uhr, wissend, dass auch andere in diesem Moment mitbeten.

Jesajas Schüler finden Bilder für Trost und Geborgenheit:
"Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden."
(Luther 2017)

Jerusalem ist ein tröstlicher Ort. Hier wird Gottes Gegenwart erlebt, hier kann man zu ihm kommen. Jerusalem beruhigt und stärkt, verspricht Frieden und Sicherheit. Heute würden die meisten Menschen im Blick auf Jerusalem wahrscheinlich anders empfinden, aber vielleicht geht es Ihnen doch ganz ähnlich, wenn Sie in Ihre Kirche hineinkommen, die Stille genießen und zur Ruhe kommen? Dann können Sie bestimmt nachfühlen, wovon in Jesaja 66 die Rede ist: Von einem Ort, der Trost und Sicherheit schenkt. Wie unser Zuhause, wo uns alles wohlvertraut ist, oder unser Elternhaus, wo wir uns blind zurechtfinden könnten. Wir wissen, welche Stufe knarrt, welche Tür quietscht – das gibt uns Sicherheit und Trost.
Trost setzt voraus, dass wir in unserem Leben Dinge erleben, die wir allein nicht verkraften. Natürlich setzt Trost auch voraus, dass wir uns trösten lassen! Kinder schreien nach ihrer Mutter, wenn sie Angst oder Schmerzen haben. Sie strecken die Arme aus - schon ganz kleine Kinder machen das; obwohl sie noch nicht sprechen können, ist die Botschaft für die Eltern doch eindeutig: „Nimm mich in den Arm! Tröste mich!“
Mit uns Erwachsenen ist es manchmal anders. Wollen und können wir uns trösten lassen? Überwinden wir uns dazu, in Sorge und Angst nach Gott zu rufen: „Hilf mir! Nimm mich in den Arm! Tröste mich! Gib mir Sicherheit.“ Wer in seinem Gebet Gott so anruft, muss etwas riskieren. Anders als Kinder wissen wir ja, was Zweifel ist: Kümmert sich Gott wirklich um mich? Hier im Krankenhaus, hier in meiner Wohnung? Ist Gott wirklich wie eine Mutter, die mich in den Arm nimmt, mich tröstet und Sicherheit gibt? Bist du da, Gott, nimmst du mich in den Arm, wenn es hart auf hart kommt? Gott hat es seinem Volk versprochen: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!“ Eine Mutter tröstet einen Säugling durch Nähe, den vertrauten Geruch, ihren Herzschlag – Neugeborene werden darum nach der Geburt ihren Müttern ans Herz gelegt – und durch Nahrung, das Lebensnotwendige, die Muttermilch, die das Einzige ist, was ein Säugling zum Leben braucht. So will Gott uns trösten: Mit seiner Nähe.
Dass das Leben glatt und ohne Sorgen abläuft, hat Gott uns nicht versprochen. Aber daran, dass er immer für uns da ist, mit offenen Armen für uns da ist und uns entgegenkommt, daran erinnert uns das Wort aus Jes 66, 13, die Jahreslosung des Jahres 2016: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!“ Und mich tröstet die Hoffnung, dass die jetzige Krise vielleicht die Chance in sich trägt, dass wir Menschen uns als Gesellschaft wieder erinnern: Geld ist nicht alles. Wirklich Lebenswichtiges ist unbezahlbar: Gesundheit, Gemeinschaft, Solidarität können nur geschenkt
werden, nicht gekauft. Gerade sind viele für andere da – das tröstet mich.
Amen

EG 398 In dir ist Freude und EG 548 Kreuz, auf das ich schaue

Fürbittgebet des Lutherischen Weltbundes
O Gott, unser Heiland, zeige Dein Erbarmen für die ganze Menschheitsfamilie, die gerade in Aufruhr ist und beladen mit Krankheit und Angst.
Komm uns zur Hilfe, da sich der Coronavirus auf der ganzen Erde ausbreitet.
Heile die, die krank sind, unterstütze und beschütze ihre Familien, Angehörigen und Freunde vor Ansteckung. Schenk uns deinen Geist der Liebe und Besonnenheit, auf dass wir zusammenwirken, um die Ausbreitung des Virus und seine Wirkungen einzuschränken und zum Erliegen bringen zu können.
Mach uns wach, aufmerksam und vorausschauend im Blick auf die Bekämpfung von Krankheiten überall: die Malaria, das Dengue-Fieber, die HIV-Krankheit und die vielen anderen Krankheiten, die bei Menschen Leid verursachen und für etliche tödlich enden.
Heile unsere Selbstbezogenheit und unsere Gleichgültigkeit, wo wir uns nur dann sorgen, wenn wir selbst vom Virus oder anderem Leid getroffen sind. Eröffne uns Wege, aus unserer Zaghaftigkeit und Furcht hinaus, wenn unsere Nächsten für uns unsichtbar werden.
Stärke und ermutige die, die im Gesundheitswesen, in Praxen und Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und anderen Bereichen der Medizin arbeiten: Pflegende, Fürsorgende, Ärztinnen und Ärzte, Klinikseelsorgerinnen und -seelsorger, Mitarbeitende in Krankenhäuser – alle, die sich der Aufgabe widmen, für Kranke und ihre Familien zu sorgen.
Inspiriere die Forschenden, die an Impfstoffen, Medikamenten und der Herstellung medizinischer Ausstattung arbeiten. Gib ihnen Erkenntnisse und Weitblick.
Erhalte die Menschen, deren Arbeit und Einkommen durch Schließungen, Quarantänen, geschlossene Grenzen und andere Einschränkungen bedroht sind. Beschütze alle, die reisen müssen.
Leite die politisch Verantwortlichen, dass sie die Wahrheit sagen und danach handeln. Halte die Ausbreitung von Falschinformation und Gerüchten zurück. Hilf, dass Gerechtigkeit waltet, sodass allen Menschen auf der Erde Heil und Heilung erfährt.
Heile unsere Welt. Heile unsere Körper. Stärke unsere Herzen und Sinne. Und in der Mitte des Aufruhrs gib uns Hoffnung und Frieden.
In deinen gnädigen Armen halte alle, die gestorben sind und die in dieser Zeit sterben werden. Tröste ihre Hinterbliebenen, tröste die, die verzweifelt sind.
Gedenke deiner Familie, der ganzen Menschheit, und deiner ganzen Schöpfung in deiner großen Liebe.
Amen.