Palmsonntag, 5. April 2020

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Liebe Gemeinde, der sechste Passionssonntag ist der Beginn der Karwoche, an deren Ende der Anfang steht: Ostern. Er führt hinein in das Verständnis von Passion und Ostern als untrennbar zusammengehörig. Eins kann ohne das andere nicht sein: Gott ist im königlichen Armen erkennbar, im ohnmächtigen Bevollmächtigten, im erhöhten Erniedrigten und Gekreuzigten. Christus, der Menschensohn, ist das Tor, durch das Gott zu uns kommt – die Frage ist, ob wir ihn erkennen. Die Passion muss sein, schreibt Johannes in unserem Wochenspruch in Joh 3, 14b. 15: Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

EG 14 Dein König kommt in niedern Hüllen

Psalm 57/ 728

Eingangsgebet: Du Sohn Davids, manchmal wünschten wir, du kämst mit unübersehbarer Macht und würdest alle Not beenden. Du kommst machtlos, als Mensch auf einem Esel, und dein Weg führt in Leiden und Sterben.

Du enttäuschst uns, wenn wir von dir göttlichen Zauber erwarten, übermenschliche Kräfte, Magie. Aber du tröstest alle, die auf eine neue Welt hoffen, denn die Macht deiner Liebe verhilft dir zum Sieg über alles Böse. Mach uns frei von falschen Erwartungen und hilf uns, deinem Weg mit Mut und Demut zu folgen. Höre, was wir dir in der Stille anvertrauen:

--- Stille ---

Herr, du hörst unser Gebet, darum kommen wir zu dir. Amen

EG 314 Jesus zieht in Jerusalem ein

Liebe Gemeinde!

Manche Dinge, gebe ich zu, hamstere ich auch: Nicht Toilettenpapier oder Nudeln, aber dafür Sachen, die man hier bei uns nicht bekommen kann, wie den Sonnenstrahlensirup aus der Augstbordkäserei Turtmann Chees & Meh. Das letzte Fläschchen im Regal, das ich vor unserer Abreise aus dem Rhonetal erworben habe, wurde von mir eifersüchtig behütet. Haben Sie je den kleinen Hobbit gelesen und kennen den Drachen Smaug, der seinen Hort mit Argusaugen bewacht? Ich kann nur sagen: Dieser Drache hat von mir gelernt!

Nur der Einwand meines Mannes, dass der Sirup nicht besser würde durch überlange Lagerung und die Horrorvision, dass er nach einigen Jahren womöglich gar weggeschüttet (!) werden müsste, brachte mich dazu, die Flasche zögerlich anzubrechen. Im Unverstand durfte der kostbare Sirup natürlich nicht getrunken werden: In homöopathisch kleinen Dosen tastete ich mich an die Grenze zwischen „schmeckt nach Wasser“ und „schmeckt nach Wasser mit einem winzigen Hauch von Kräutern und Beeren“ heran. Und nur wer mir ganz nah stand, bekam etwas ab, wenn auch niemand behaupten würde, ich hätte großzügig eingeschenkt... Es war die pure Angst vor dem letzten Tropfen, wenn die Flasche leer sein würde…

Mich beeindruckt umso mehr die erstaunliche Großzügigkeit der unbekannten Namenlosen, von der uns Markus in unserem Predigttext für den Palmsonntag erzählt: Sie geht keine Kompromisse ein, knausert nicht, gibt alles bis zum letzten Tropfen her! Wir hören die Erzählung aus Kapitel 14 in den Versen 3 bis 9:

Jesus wird gesalbt: Jesus war in Betanien. Er war zu Gast bei Simon, dem Aussätzigen. Als er sich zum Essen niedergelassen hatte, kam eine Frau herein. Sie hatte ein Fläschchen mit Salböl dabei. Es war reines kostbares Nardenöl. Sie brach das Fläschchen auf und träufelte Jesus das Salböl auf den Kopf. Einige ärgerten sich darüber und sagten zueinander: »Wozu verschwendet sie das Salböl? Das Salböl war mehr als dreihundert Silberstücke wert. Man hätte es verkaufen können und das Geld den Armen geben.« Sie überschütteten die Frau mit Vorwürfen.  Aber Jesus sagte: »Lasst sie doch! Warum macht ihr der Frau das Leben schwer? Sie hat etwas Gutes an mir getan. Es wird immer Arme bei euch geben, und ihr könnt ihnen helfen, sooft ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch. Die Frau hat getan, was sie konnte: Sie hat meinen Körper im Voraus für mein Begräbnis gesalbt. Amen, das sage ich euch: Überall in der Welt, wo die Gute Nachricht weitergesagt wird, wird auch erzählt werden, was sie getan hat. So wird man sich immer an sie erinnern.«

So wird man sich immer an sie erinnern. Genau das ist ja wahr geworden: Was die Frau getan hat, blieb in Erinnerung, wurde von einer Generation Gläubiger an die nächste weitergegeben, weitererzählt, überliefert, erinnert. Nicht mit dem Namen jener Frau, aber mit ihrem Tun. Diese eine Geste der Zuwendung hielt sie in bleibender Erinnerung über Jahrhunderte hinweg lebendig.

In den Augen der Jünger handelte die Frau mehrfach verwerflich. Zuerst drängt sie sich an den Tisch des Ehrengastes, womit sie sich nach den damaligen Gepflogenheiten selbst zu einem Ehrengast macht, sie ist als Frau in einer Runde voller Männer mehr als fehl am Platz, wenn man ihr keine zweideutigen Absichten unterstellen soll, und sie hat ein Gefäß mit dem kostbarsten aller Öle bei sich: Nardenöl, direkt aus dem fernen Himalaya, über weite Wege transportiert und so kostbar, dass sein Gegenwert mehr oder weniger die gesamten Lebensersparnisse der Frau darstellen muss. Dieses Gefäß zerbricht sie ohne zu zögern und gießt alles Jesus über den Kopf, so dass das kostbare Öl über Haare und Bart fließt, alles mit Duft erfüllt, wo ein paar wenige Tropfen ausgereicht hätten, um Wohlgeruch hervorzurufen… Und sie dreht das Gefäß um, lässt auch noch die letzten kostbaren Tropfen herausrinnen… Die Jünger hält es kaum auf ihrem Platz: Was für eine Wahnsinnige!, denken und zetern sie, man muss sie aufhalten, diese Verschwenderin, wenn sie schon nicht weiß, was gut für sie ist, sollte sie doch an andere denken! Wie viele Arme hätte geholfen werden können, wenn das Öl verkauft worden wäre! Dreihundert Silberstücke!

Es liegt eine gewisse Parallelität in dem, was die Argumentation der Jünger und die Argumentation heute angeht, wurde mir beim Lesen klar. Wir sind nahe, indem wir einander fernbleiben, lesen und hören wir dieser Tage immer wieder. Ähnlich argumentieren die Jünger: Jesus war die Frau in diesem Moment unmittelbar nahe – gerade dadurch habe sie sich unzähligen Armen gegenüber schuldig gemacht, klagen sie sie an, von deren Not habe sie sich durch ihr Verhalten unendlich distanziert, entfernt. In diesem Moment entfernen sich aber die Jünger von Jesus und seinem bevorstehenden Leiden, lassen sich davon nicht an- oder berühren.

Jesus nimmt die Frau in Schutz und verteidigt sie, die alles hingegeben hat für eine einzige, flüchtige und doch bleibende Geste der Liebe und Nähe zu einem einzigen, in jenem Moment der einzige und wichtigste Mensch der ganzen Welt. Manchmal heißt es bei uns so schön, jemand sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht. In einer ähnlichen Situation sind in diesem Moment die Jünger. Es geht immer und zuallererst um die Liebe. Ihre Argumente sind nicht falsch: Das Almosengeben ist geboten, erst recht in der Zeit des Passahfestes. Man kann aber geben, ohne berührt zu werden, ohne mit dem Herzen dabei zu sein.

Die Liebe zu Jesus, ja zum Leben selbst, drückt sich im Handeln der Frau aus. Auch den Armen soll man sich aus Liebe zum Mitmenschen zuwenden und ihnen nahekommen, nicht aus Pflichtgefühl. Ich merke selbst, wie distanziert ich manchmal Geld spende oder überweise für einen guten Zweck, aber mit keinem Empfänger habe sprechen können, keinem in die Augen schauen oder ihm die Hand habe geben können. Fotos und Briefe sind ein kleiner Ersatz.

Wahre Liebestaten brauchen Nähe: Kann man geben, ohne berührt zu werden? Merken wir nicht gerade jetzt in diesen Zeiten, wie sehr uns Berührungen fehlen, der Kontakt zu anderen, die Nähe? Und wie karg dagegen verwaltungstechnisches Handeln, wie distanziert Kontakt über Telefon oder Internet ist verglichen mit einem Besuch, einem Händedruck, einem Lächeln von Angesicht zu Angesicht? Wie schön es ist, jemanden „danke“ sagen zu hören, wenn man ihm etwas überreicht hat? Liebe kann nicht verwaltet werden, sie muss in Nähe und mit Berührung und Berührtwerden gelebt werden.

Liebestaten bleiben in Erinnerung, berühren und bereichern. Wer berührt wurde, erinnert sich an die Güte liebevoller Berührungen und Blicke, Sanftheit und Hingabe, wer berührt, erinnert sich an die Demut und die Dankbarkeit, dass die Berührung nicht abgewehrt wurde, sondern freudig angenommen. Die Salbung in Bethanien steht am Anfang des Passionsweges der Karwoche: Liebe und Zartheit zu Beginn des Weges in Gewalt und Hass. Getragen von menschlicher und göttlicher Liebe geht Jesus den Weg ans Kreuz. Die verschwenderisch liebende, hingebende Frau – der liebende und sich hingebende Jesus. Wie die Witwe, die alles gibt, was sie hat, verschenkt die Frau das Wertvollste, was sie besitzt. Jesus schenkt für uns sein Leben. Alle handeln aus einem Grund: Liebe. Dietrich Bonhoeffer, einer, der auch beides kannte, der wie Jesus Gewalt und Liebe am eigenen Leib erlebt hat, schrieb: Da, wo Liebe ist, ist der Sinn des Leben erfüllt. Ubi caritas et amor, ibi deus est, heißt es in einem alten Lied: Wo Nächstenliebe und Liebe sind, ist Gott.

Amen

EG 548 Kreuz, auf das ich schaue

Fürbitte: Jesus,

Mit dir gehen wir in deine Leidenswoche.

Wir bitten dich:

Sei mit allen, die sich abwenden von dir,

weil du nicht mit Gewalt die Macht an dich reißt,

lass sie ihre Enttäuschung geduldig ertragen,

bis sie Frucht bringen.

Sei mit allen, die nicht weglaufen, wo es schwer wird,

sondern aushalten, was schwer zu ertragen ist,

die sich einsetzen,

damit wir alle mehr für dich und andere tun.

Mit dir gehen wir in eine Woche,

in der wir ahnen und spüren,

wie weit deine Liebe geht.

Du hältst sie durch bis zum Ende.

Unser Dank ist ein schwacher Abglanz.

Wir rufen zu dir:

Vater unser…

Segen

Der Herr segne uns und behüte uns.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und schenke uns Frieden.

Amen.