Impuls 17. 3. 2020

Stein und Feder

Steine haben mich schon immer fasziniert. Ich habe eine ganze Sammlung – aufgehoben in den Bergen beim Wandern (sehr zum Unmut meines Mannes, der immer mahnt, dass ich so aus dem Tritt komme, meine Hosentaschen ausleiere und durchscheuere und ihn überdies immer wieder zu unfreiwilligen Kontemplationen über die landschaftliche Schönheit zwinge, während von mir eifrig sortiert und abgewogen wird, welcher Stein mitkommen muss und welcher liegenbleiben kann) oder am Strand der Insel Usedom – diesmal mit weit begeisterter Unterstützung meines Kollegen, der seine Jacken- und Hosentaschen anbot und auch gleich das Potential der Steine für kirchliche und gemeindliche Zwecke erkannte: Darf ich diesen da haben? bat er mich. Der ist bestimmt gut geeignet für einen Nachmittag im Seniorenzentrum.

Mit einem Stein hebe ich nicht nur ein besonders schönes Stück in Form und Farbe auf, sondern, wie ich ahne, das, was für uns der Vorstellung von Ewigkeit am nächsten kommt. Wie viele Erdzeitalter haben die Steine bereits erlebt, welche Kräfte, welchen Druck hat es erfordert, sie so zu formen, welch jahrtausendelanges Zusammenwirken von Erosion, Wasser und Frost, sie aus einem größeren Felsen oder Berg herauszubrechen? Steine geben uns eine Ahnung von der Urzeit. Hier auf der Alb sowieso: Ich habe einen Stein, in dem die Abdrücke kleiner Ammoniten eingeprägt sind.

Steine können hinderlich sein, Stolperstein oder Stein des Anstoßes werden. Sie vermitteln aber auch Kraft, Halt und Trost. Der Betende in Psalm 31 bittet Gott in den Versen 2 und 3: Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest! Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen!

Psalm 91 verspricht uns in den Versen 11 und 12, dass Gott seinen Engeln befohlen hat, dass sie uns auf den Händen tragen, damit wir unseren Fuß nicht an einen Stein stoßen. Für dieses Versprechen steht die Feder, die ich gestern gefunden habe. Sie lag auf unserer Terrasse, als ich mit dem Kompost hinausgegangen bin und über den Gartenzaun mit unserem Nachbarn gesprochen habe – immer mit dem gebotenen Sicherheitsabstand, um ihn nicht zu gefährden. Auf dem Rückweg ins Haus lag diese kleine, reinweiße Feder vor mir. Nach aller Aufregung und allen Sorgen in den vergangenen Tagen erschien sie mir wie ein Zeichen Gottes, dass er uns nicht vergessen hat, uns immer noch nahe ist und dass seine Engel uns behüten.

Der Stein ist das Bild für Halt und Trost bei Gott und für alles, was mir im Moment das Herz schwer macht. Schweren Herzens rief ich gestern einen Menschen an und verschob einen Geburtstagbesuch. Wir sagten: Wenn alles vorbei ist, feiern wir den Geburtstag und dass wir es hoffentlich alles gut überstanden haben, was uns jetzt gerade den gewohnten Alltag so erschwert. Ein Stein wird uns dann allen vom Herzen fallen, da bin ich sicher. Federleicht werden wir uns fühlen, unbeschwert und dankbar, dass Gott, unser Felsen und unsere Burg, uns durch diese Zeit geführt hat mit seinem Wort und uns Halt gegeben hat auf steinigen Wegen.

Bleiben Sie gesund, behütet und getrost!

Ihre Pfarrerin Katja Pfitzer