Nur (Mam) Mut!

Liebe Gemeinde,

Schlechte Nachrichten über den Anstieg der Corona-Infektionen, Ängste bei Menschen, die in Kontakt kamen, die getestet wurden und auf Bescheid warten oder sich noch gar nicht testen lassen konnten und auf die Freigabe zum Test warten: In Angst und Not tut Zuspruch gut. Früher nannte man ermutigende und stärkende Worte „Erbauung“. Heute werden allenfalls Gebäude erbaut, weniger Menschen. Aber beides gehört ja ganz eng zusammen, das sieht schon Paulus so.

Wir haben es in Sirchingen beim Anbau ans Gemeindehaus und in Upfingen bei der Renovierung des Gemeindesaals erlebt: Gemeinsam geht es besser, denn viele Menschen brachten ihre Begabungen, Kenntnisse und Fähigkeiten ein, arbeiteten Hand in Hand, Seite an Seite – das, was man jetzt nur noch mit einem Mindestabstand von 1,5 bis 2 Metern dürfte…

Paulus musste in Korinth einen Streit schlichten, der entstanden ist, weil verschiedene Begabungen für Aufgaben unterschiedlich wertgeschätzt wurden. Ist die Fähigkeit, beten zu können, für andere und mit anderen, mehr wert als die Fähigkeit, einen Text nachvollziehbar und verständlich auslegen zu können? Paulus ordnet alles der Liebe unter (1 Kor 13,13) – die Fähigkeit zu lieben ist die größte und wichtigste Begabung, die Gott uns Menschen geschenkt hat. Wir sehen jetzt, wie wichtig und wie schwer gleichzeitig diese Fähigkeit manche von uns trifft: Um kranke und Menschen mit geschwächtem Immunsystem zu schützen, müssen wir uns von denen, die uns oft am nächsten sind, fernhalten, um sie und uns zu schützen. Jeder von uns ist gefährdet und gefährdet andere: Enkel dürfen die Großeltern nicht mehr besuchen, Kinder ihre Eltern nur noch möglichst kurz sehen, Gottesdienste und Veranstaltungen müssen abgesagt werden.

Wir können aber auf andere Weise zusammenrücken: Im Gebet für die, die jetzt noch mehr als ohnehin schon gefordert sind. Medizinisches Personal, Forschungsarbeitende, Beschäftigte in Kitas, Apotheken, Lebensmittelgeschäften, im öffentlichen Nahverkehr, alle, die für Strom-, Telefon- und Wasserversorgung zuständig sind. Gestern schrieb jemand: All die Menschen, die sich sonst fragen lassen müssten, wieso sie denn „nicht etwas Vernünftiges“ gelernt hätten, sind nun diejenigen, deren Einsatz unsere Gesellschaft und unseren Alltag so normal wie möglich unter diesen besonderen Umständen am Leben hält.

Wir können zusammenrücken, indem wir helfen, damit gefährdete Menschen, die ihre Wohnung nicht verlassen sollen und die, die unter Quarantäne stehen und ihre Wohnung nicht verlassen dürfen, versorgt sind mit allem, was sie brauchen. Wir können für sie einkaufen, ihnen Bücher und Spiele zukommen lassen, wir können anrufen und Mails schicken als Lebenszeichen aus der Außenwelt. Wir können für ältere Mitbürger Andachten, Gottesdienste und Gebete herunterladen, damit sie daheim Erbauung finden können. So rücken wir zusammen, erbauen einander, zeigen uns unsere Liebe auch da, wo wir uns körperlich nicht nahe sein dürfen.

Ein schönes Bild dafür hat unsere Pfarramtssekretärin gefunden: Es ist wie bei einem Mammutbaum. Riesenmammutbäume können bis zu 100 Meter hoch und Tausende Jahre alt werden. Ihre dicke, faserige Rinde schützt sie bei Waldbränden. Sie stehen kerzengerade und können sogar eine abgebrochene Krone nachwachsen lasse. Verblüffend ist aber auch die Tatsache, dass sie gar nicht so tiefe Wurzeln haben, wie man vermutet. Denn diese Riesenbäume wachsen nicht allein, sondern nur in Gruppen. Dabei geben sie sich gegenseitig Halt. Ihr Wurzelsystem ist eng verflochten wie bei einem Teppich. Selbst Hurrikans können sie auf die Weise überstehen. (In Metzingen im Arboretum kann man zwei Mammutbäume finden, allerdings stehen sie nicht beieinander, sondern sind räumlich getrennt.)
Wer zur Kirche kommt, um von Gott gestärkt und ermutigt zu werden, findet Halt in seiner Größe und Liebe. Er findet aber auch eine Gemeinschaft: Wie Mammutbäume sich gegenseitig mit ihrem Wurzeln Halt bieten und festigen, so hält auch eine Gemeinde zusammen, wenn Ängste, Sorgen und Zweifel auf die Menschen einstürmen.

Bleiben Sie gesund, behütet und gehalten im Gebet und in Gottes Liebe,

Ihre Pfarrerin Katja Pfitzer